ALEXANDER STOLL / Kustos Neue Sächsische Galerie - Museum für zeitgenössische Kunst, Chemnitz

 

Heike Berl. Weisse Rose – Natur und Symbol

Rede zur Finissage in der Galerie Laterne, 2020

 

Es gehört schon eine gewisse Portion Mut dazu, kleine, zarte Rosenblüten x-fach vergrößert und formatfüllend auf die Leinwand oder das Papier zu bringen. Noch mehr Mut aber gehört vermutlich dazu, diese, auf den ersten Blick vielleicht als Huldigung an die Natur erfassbaren, geradezu monumentalen und den Betrachter fast erschlagenden Blüten mit dicken schwarzen bisweilen auch roten Farbstreifen senkrecht oder waagerecht zu überziehen. Hier wird schnell und unmissverständlich klar, um was es geht: nicht um „schöne Bilder“, aber auch nicht um überzogene Themen oder kaum entschlüsselbare Szenen, an denen sich Betrachter und Interpreten die Zähne ausbeißen... Hier geht es um Widersprüche und Gegensätze, um Geschichte und Gegenwart, schließlich um Haltung und um Gedenken. Und dies in einer gut lesbaren Bildsprache, die mit großen Formen, reduzierten Farben agiert und bei welcher der Materialität und der haptischen Qualität eine große Bedeutung beigemessen wird.

 

Heike Berl, die in Zwickau geboren wurde und erste künstlerische Erfahrungen bei Karl Heinz Jakob sammeln konnte, studierte u.a. an der HfBK in Dresden und an der Akademie der Bildenden Künste in München. Hier kam sie unweigerlich auch in Kontakt mit der Geschichte um die Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“ in der Zeit des Nationalsozialismus. In ihrer vielteiligen Serie zu diesem Thema, versucht sie, diesem Kapitel deutscher Geschichte mit ihren künstlerischen Mitteln visuell Ausdruck zu verleihen. Dabei geht es nicht um konkrete Bezüge oder gar einen illustrativen Ansatz. Vielmehr verfolgt sie damit eine Art symbolische Adaption. Die Blüte ist nicht mehr vollkommen, ihre Reinheit ist gestört. Massiv und kompromisslos zerschneiden die schwarzen oder roten Streifen das zarte Blütengebilde. Wie ein Zeitstrahl führen die Balken in die Vergangenheit und stellt gleichzeitig eine Verbindung zum Hier und Heute dar. Denn: „das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ wie es Christa Wolf (Kindheitsmuster, 1976) einst formulierte.

 

Auch in den anderen Werken, die nicht unmittelbar der Serie „Weiße Rose“ angehören, spielen Symbole eine wichtige Rolle. Hier arbeitet Heike Berl anstelle der Rosenblüten stärker mit geometrischen Formen: mit Rauten, Rechtecken und Raster- und Linienstrukturen. Bemerkenswert hierbei ist, dass sie damit ihren Werken eine große Strenge und Klarheit verleiht, die auch den symbolischen Aussagegehalt befördert. Andererseits lassen die Blätter auf wohltuende Weise jene klinische Härte vermissen, die konkreter bzw. konstruktiver Kunst oftmals innewohnt. Das ist zu einem großen Teil auf ihre vielfältigen künstlerischen Umgangsformen mit dem Material zurückzuführen. Seit ihrem Studium spielt das Papier in ihrem Schaffen eine zentrale Rolle. Seit einigen Jahren ist sie Mitglied der IAPMA (International Association of Hand Papermakers and Paper Artists). Zumeist arbeitet Heike Berl mit handgeschöpftem Papier und verzichtet zu Gunsten der haptischen Wirkung wenn möglich auch auf den schützenden Glasrahmen. Bei ihrer Arbeit kombiniert sie oft verschiedene Techniken miteinander: vor allem Materialdrucke, Faltungen, Collagen. Hierin zeigt sich eine besondere Art des Materialumgangs. Das Papier wird nicht einfach nur als Bildträger genutzt, sondern es trägt mit seiner speziellen Materialität selbst zur Gesamtwirkung entscheidend bei. Denn es ist uneben oder gewellt, es weist Spuren von Faltungen auf, hat eine bestimmte Oberflächenstruktur oder sogar ein Relief. Dieser Ansatz führte die Künstlerin konsequenterweise auch zum Pulppainting, bei dem mit der Papiermasse, der Pulpe, quasi gemalt wird oder auch plastische bzw. räumliche Werke entstehen können, wie z.B. eine riesige Hecke aus schwarzer Pulpe in einer Ausstellung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden im Jahr 2015. Heike Berl schätzt u.a. die kombinatorischen Möglichkeiten bei dieser Technik, verschiedene Materialien, wie z.B. die hier sichtbaren Gitterstrukturen, unmittelbar hineinzuschöpfen, so dass Werke quasi „wie aus einem Guss“ entstehen können.

 

Von Heiner Müller stammt der Satz: „Ohne Vergangenheit gibt es keine Fortsetzung.“ Es ist wichtig, dass wir uns unsere Vergangenheit immer wieder vergegenwärtigen, dass es kein Vergessen gibt und dass wir daran erinnert werden, dass Wachsamkeit und Haltung zu den Grundfesten einer aufgeklärten Gesellschaft unbedingt dazu gehören. Das Werk von Heike Berl und diese Ausstellung bilden dafür einen wichtigen Beitrag.

 


ANNA SCHINZEL /  Kulturpaten Dresden

2019

 

Die Dresdner Künstlerin Heike Berl beschäftigt sich in ihren aktuellen Werken insbesondere mit der bildnerischen Darstellung von Natur und deren Symbolgehalt: Natur als ein Spiegel unseres Selbst. Ausgangspunkt des jüngsten Schaffens von Heike Berl ist die Rose im Kontext immer noch gegenwärtiger wie aktueller Zeitgeschichte: die Münchner Widerstandsgruppe “Weiße Rose” um die Geschwister Scholl oder die in Dresden seit 2005 jährlich stattfindende Aktion “Weiße Rose” am 13. Februar. Heike Berl versteht ihre künstlerische Auseinandersetzung mit dem Motiv der Rose als Frage nach dem Wohin, als einen bildnerischen Beitrag für menschliche Werte.

 


DR. SÖREN FISCHER /  Leiter der Graphischen Sammlung Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern

 

Stay one more song.

Auszug aus der Eröffnungsrede zur Einzelausstellung von Heike Berl, Galerie Adlergasse, Dresden, 2016

 

Bittend und doch zugleich imperativ fordert der Ausstellungstitel „Stay one more song“ zum Bleiben auf, man soll verharren, scheinbar aber weniger um zu sehen, als vielmehr um zu hören.

Der Raum aber bleibt still. Man hört nichts. Und doch ist Musik präsent, zwar nicht in Gestalt bewegter Luft, wohl aber als stummes Echo in den neusten Papierarbeiten von Heike Berl,

die alle 2015 und 2016 entstanden sind, einige von ihnen sogar erst jüngst. Die Künstlerin setzt damit einen Themenkreis fort, dem sie sich bereits in der 2015 gezeigten Dresdner Ausstellung

„Paper Blues“ gewidmet hatte: Der engen genetischen Verbindung von Sprache, Musik und Bild, dem spannungsreichen Gefüge, das entsteht, wenn Liedtexte dem Zusammenhang entrissen

werden und im Medium des Bildes neue Sinnschichten, neue Inhalte und Bedeutungen entfalten; und auch anders herum: wenn nämlich die individuelle Bearbeitung, Gestaltung und Formung

des Papiers, des Materials, den Worten neue Perspektiven geben können.

 

So stammt beispielsweise das kombinierte Wortfragment „re“, das Titelgebend ist für die im Eingangsbereich gezeigte Arbeit, aus dem Song „River“ der französisch-kubanischen Indie-Band Ibeyi. Heike Berl fragmentiert hier einen gefundenen Inhalt aus der Musikkultur und entzieht diesem gleichsam die Eindeutigkeit. Die Buchstaben finden sich wieder zwischen und neben geometrischen Flächen in Gelb und Schwarz, Faltungen und Siebdruck. Der überaus intime Charakter des Liedes – es erzählt von der Verletzung der Seele, von Schuld und Schmerz – scheint sich in der experimentell entstandenen Papierarbeit widerzuspiegeln.

 

„Stay one more song“ – das ist auch eine erwartungsvolle, fast liebevolle Aufforderung zu bleiben, um genau zu hören, genau zu schauen, sich Zeit zu nehmen: Es wird innerlich! Dass die Arbeit „Re“ am Anfang des Ausstellungsparcours hängt, scheint mehr als plausibel, markiert sie doch prägnant ein Leitmotiv, das man in den jüngsten Arbeiten von Heike Berl immer wieder auszumachen scheint. „Re“ – das ist eben auch das aus dem Lateinischen stammende Präfix für „zurück“.

 

Dass es Heike Berl in ihrer konzeptuellen Arbeit auch um einen autobiografischen Zugang geht, der den Blick zurückwirft, verdeutlichen vornehmlich die drei abstrahierten Radios, die in der Ausstellung „Stay one more song“ zusammen mit den gerahmten Arbeiten an den Wänden gezeigt werden. Auf den ersten Blick bringen sie entsprechend des Ausstellungstitels Musik in den Raum, wenn man dann aber weiß, dass sie Abformungen eines antiken Radios aus dem Besitz der Großmutter der Künstlerin sind, erschließt sich der autobiografische, durchaus auch nostalgische Gehalt der Schau, die Vergangenheit zu erforschen und bildnerisch zu gestalten scheint.

 

Deuten lassen sich die Arbeiten von Heike Berl daher auch als Zeugnisse für die komplizierte und nicht immer einfache Auseinandersetzung mit Vergangenheit, mit Erinnerungen, die mal klar,

dann wieder ganz wage und nur ahnungsweise, dann wieder kaum greifbar, oder aber gar nicht im Gedächtnis haften geblieben sind, weil sie so flüchtig sind, wie Musik. Tastend, suchend, nährt sich die Künstlerin ihnen, verweist auf sie. Vielleicht sind es nicht einmal Bilder, sondern Gerüche, Geräusche, Lieder, die im wahrsten Sinne des Wortes bruchstückhaft auftauchen aus den Tiefen des Gedächtnisses...

 


STEFAN VOGT /  Leiter Galerie Adlergasse, Dresden

2016

 

Heike Berl untersucht in ihren Zeichnungen und Objekten das Medium Papier auf seine Funktion als Bedeutungsträger. Durch Materialüberarbeitungen verleiht sie Raumkörpern eine taktile Präsenz. Papier fungiert dabei im Sinne von Körperhüllen als Membrane zwischen Innen und Außen. In großflächigen Zeichnungen variiert sie Form- und Wort-Assoziationen, die aus dem Fundus von Musik/Sound/Songtext gespeist sind. Schöpfen, Prägen, Experimentieren und das Ineinandergreifen verschiedener Prozesse und Materialien sind die künstlerischen Mittel, die Heike Berl dabei einsetzt.