FELD, 2013, Ausstellung "Wilde Gärten", Galerie am Domhof, Zwickau,  (Foto: K. Heyne)
FELD, 2013, Ausstellung "Wilde Gärten", Galerie am Domhof, Zwickau, (Foto: K. Heyne)

FELD, 2013, Siebdruck, Stempeldruck auf handgeschöpftes Papier, Bindfaden, Detail  (Foto: K. Heyne)
FELD, 2013, Siebdruck, Stempeldruck auf handgeschöpftes Papier, Bindfaden, Detail (Foto: K. Heyne)

FLANKENGOTT I / II, GOLDEN GOAL, 2012, Ausstellung "Internationale Biennale der zeitgenössischen Druckgrafik", Museum der Schönen Künste, Lüttich, Belgien, (Foto: BAL)
FLANKENGOTT I / II, GOLDEN GOAL, 2012, Ausstellung "Internationale Biennale der zeitgenössischen Druckgrafik", Museum der Schönen Künste, Lüttich, Belgien, (Foto: BAL)

GOLDEN GOAL, 2012, Lithografie
GOLDEN GOAL, 2012, Lithografie

CHAMPION, 2012, Lithografie, Algrafie (Irisdruck)
CHAMPION, 2012, Lithografie, Algrafie (Irisdruck)

FLANKENGOTT I, 2012, Lithografie, Siebdruck
FLANKENGOTT I, 2012, Lithografie, Siebdruck

FLANKENGOTT II, Lithografie, Siebdruck
FLANKENGOTT II, Lithografie, Siebdruck

BALLFIEBER, 2012, Siebdruck, Algrafie (Irisdruck), Materialdruck, Unikat
BALLFIEBER, 2012, Siebdruck, Algrafie (Irisdruck), Materialdruck, Unikat

GROSSER RASEN I / II, 2014, Ausstellung "Rasenschach", Werkgalerie Kreative Werkstatt, Dresden
GROSSER RASEN I / II, 2014, Ausstellung "Rasenschach", Werkgalerie Kreative Werkstatt, Dresden

GROSSER RASEN I, 2014, Graphit, Pastell, Buntstift, Edding, Papier, Perforation
GROSSER RASEN I, 2014, Graphit, Pastell, Buntstift, Edding, Papier, Perforation

GROSSER RASEN II, 2014, Graphit, Pastell, Buntstift, Edding, Papier, Perforation
GROSSER RASEN II, 2014, Graphit, Pastell, Buntstift, Edding, Papier, Perforation

RASENSCHACH, 2014, Tusche, Acryl, Stoff
RASENSCHACH, 2014, Tusche, Acryl, Stoff

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Rasenschach“

 

Friedrich Hausen

 

Dresden, 2014

 

 

 

 

Die titelgebende Bildreihe „Rasenschach“ von Heike Keller zeigt Fußballfelder, die in informeller Manier gemalt sind,

 

Fußballfelder, die in der Tat wie Felder von Brettspielen aussehen. Und auf den Bildern der Reihe „Feld“ sind nicht nur

 

viele ballähnliche Kugeln sehen, sondern auf jedem Einzelbild auch ein kleiner Fußball, der dazwischen gedruckt ist,

 

aber auch zeichenhafte Formen, die an Torpfosten erinnern, oder an Grenzlinien auf Fußballfeldern. Und unter den

 

Kugeln scheinen einige Gesichter zu haben. Und auf denjenigen Tafeln, wo sie zahlreich sind, scheinen sich

 

vorübergehend die Felder in Zuschauertribünen zu verwandeln...

 

 

Die Bedeutung des Spiels mag uns auch heute noch so manches Rätsel aufgeben. Fußball ist dabei ein ganz besonderes

 

Beispiel. Kaum ein anderes Spiel erlangt weltweit eine derart große öffentliche Aufmerksamkeit. Und für kaum ein

 

anderes Spiel werden weltweit derart aufwendige Einrichtungen gebaut. Was aber fesselt und absorbiert so sehr am

 

Fußball? Warum lassen sich so viele Menschen als Zuschauer davon mitreißen? Ein Faktor ist der große öffentliche

 

Aufmerksamkeitskegel selbst, die massenmediale Vermehrung und Verbreitung des emotionalen Geschehens. Was der

 

Philosoph Max Scheler als Gefühlsansteckung in Menschenmassen bezeichnete. Allein der Umstand, dass ungeheuer

 

viel Aufmerksamkeit auf ein Geschehen gelenkt wird, erzeugt weitere Aufmerksamkeit. Aber Fußball ist auch ein Spiel,

 

das jeder wohl schon gespielt hat, und insbesondere Männer ungemein oft in ihrem Leben. Die Spannung entsteht

 

auch im eigenen Spiel – das Gewinnen wollen, der Ärger über Fehler, die Freude über Tore für die eigene Mannschaft.

 

Fußball ist ebenso wie Schach ein agonisches Spiel, ein Kampfspiel, wo es um Siegen oder Verlieren geht.

 

 

In der Spielforschung wird zum Beispiel bei Roger Gaillois zwischen verschiedenen Spieltypen unterschieden, so zwischen

 

Agon (d. bed. Kampf, Wettkampf, Vergleich), Alea (d. bed. Würfel, Glücksspiel), Mimikry (d. bed. Nachahmung, Simulation,

 

Fiktion usw.), Ilinx (bedeutet so viel wie: anderer Bewusstseinszustand, wie im Reisen, Tanzen, Skifahren). Diese Spielformen

 

haben jeweils ihren eigenen Reiz, treten jedoch als Aspekte eines Spiels oft auch zusammen auf. Beim Fußball spielt zum

 

Beispiel der Zufall eine größere Rolle als im Basketball. Es gewinnt nicht immer die bessere und aufmerksamere Mannschaft,

 

sondern immer wieder auch die glücklichere. Und ein anderer Bewusstseinszustand stellt sich auch ein, sobald sich die an

 

sich banalen Ereignisse – Ball auf dem Feld, Ball in ein Tor – mit Bedeutungsgewicht zu füllen scheinen. Und daraus entsteht

 

dann das, was manche Spielforscher als „zweite Welt“, „zweite Realität“ oder Realitätsdoppelung bezeichnen. Das Spiel baut,

 

indem es unsere Emotionen bindet, eine eigene Realität auf. Im Lesen des Romans haben wir ähnliche Gefühle der Angst,

 

Vorfreude, des Genusses wie in wirklichen Situationen, die den beschriebenen ähneln. Und im Spiel wird auch unser Ernst

 

gebunden. Wir bewegen uns oft darin mit einer Leidenschaft und Unbedingtheit, als ginge es um Alles, als ginge es um Leben

 

und Tod. Manche sprechen von dem „heiligen Ernst“ des Spiels. Und gerade im Fußballspiel entstehen Helden. Und im

 

Umgang mit den Hindernissen, mit Glück und Unglück, Herausforderung, Gefahr usw. zeigen sich dann auch Tugenden

 

und Laster der Spieler, die zu beispielhaften Tugenden und Lastern im wirklichen Leben werden. Und dies kann man an den

 

Gesprächen über Fußball sehen, die sich nicht selten um Handlungen drehen, an denen sich Tugenden oder Laster besonders

 

stark äußern. Und im Geschehen selbst fiebern wir mit, achten und verachten, freuen uns und trauern, als ginge es um viel.

 

Das Spiel absorbiert in seine eigene symbolische Totalität und wird damit zu einem Bild der Welt.

 

 

In der Kunst von Heike Keller ist vielleicht weniger von dem heiligen Ernst des Spiels zu spüren. Der Blick ist nicht der Blick

 

einer Mitfiebernden, sondernder Blick von außen, der das kindliche Treiben sieht, ein freundlicher Blick, empathischer Blick.

 

Eine Sympathie zum kindlich Spielerischen äußert sich schon in der Weise ihres Arbeitens. Einige ihrer Bilder zeigen deutliche

 

Anlehnung an Merkmale kindlichen Malens, so gerade in den „Rasenschach“- Bildern, oder in den zwei großformatigen

 

Arbeiten „Großer Rasen I/II“. Eine informelle Arbeitsweise entfernt die Arbeit an jeder Stelle von Kriterien des Richtigen und

 

Falschen. Damit wird gleichsam das Bild selbst zu einem Stück Natur, das dem Zugriff durch Willen und Norm entzogen ist.

 

Die unwillkürlich agierende Hand des Kindes ist hier Ahne einer Idee: Das sich selbst überlassende, im Fluss befindliche, ohne

 

äußere Norm, ohne äußeren Wertmaßstab. Insbesondere auch in den Drucken Heike Kellers entsteht in der Naturbelassenheit

 

eine leichte, sonnige Ausstrahlung.

 

 

Auf den „Rasenschach“ - Bildern und den „Großen Rasen“ sind aber auch dunkle Kugeln zu sehen, die von Linien verbunden

 

sind, so dass sie wie eine graphische Darstellung von Spielzügen, eine Darstellung der Bewegungen des Balles auf dem Feld

 

erscheinen. Zugleich scheinen hier so etwas wie Sternbilder durch, so wie in Sternkarten Verbindungslinien einzelne Sterne

 

in Reihen verbinden. Der Ball auf dem Spielfeld, die Kugel symbolisiert dann den Himmelskörper, die Bewegung des Spiel-

 

gegenstands eine Teilordnung des Kosmos. Eine kosmische Dimension scheint dann auch in Ähnlichkeitsbeziehungen

 

zwischen den Einzelarbeiten durch, ein Muster, eine übergreifende Gesamteinheit, die – ähnlich wie in den Ornamenten

 

alter Kulturen – eine Beziehung zur übergreifenden Ordnung des Kosmos evozieren können. Insbesondere auf den Feld-

 

Bildern verbinden sich die vielen gleichartigen, ähnlichen Formen in ihrer regelmäßig-unregelmäßigen Verteilung mit

 

Assoziationen an natürliche Ordnungen, wie Sternkonzentrationen, die Verteilungen der Früchte auf Obstbäumen, oder

 

der Fallen von Regentropfen. Das zufällig Anmutende im Detail erscheint im Ganzen als notwendig. Auch hier –in der

 

kosmologischen Assoziation – finden wir einen Anknüpfungspunkt symbolischen Totalität des Spiels, welches immer

 

geschlossen, ganz ist, und dadurch zum Bild der Welt wird. Doch wird hier nicht die Erhabenheit des Kosmos beschworen.

 

Ein unpathetischer Tonfall der Arbeiten von Heike Keller setzt die Assoziation zum Kosmos in das Licht der Heiterkeit, mit

 

der man dem Spiel der Kinder zusieht.