DNN, 3. Mai 2017
DNN, 3. Mai 2017

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Heike Berl "STAY ONE MORE SONG“

 

Dr. Sören Fischer

 

Dresden, 2016

 

 

 

Bittend und doch zugleich imperativ fordert der Ausstellungstitel „Stay one more song“ zum Bleiben auf, man soll

 

verharren, scheinbar aber weniger um zu sehen, als vielmehr um zu hören. Der Raum aber bleibt still. Man hört

 

nichts. Und doch ist Musik präsent, zwar nicht in Gestalt bewegter Luft, wohl aber als stummes Echo in den

 

neusten Papierarbeiten von Heike Berl, die alle 2015 und 2016 entstanden sind, einige von ihnen sogar erst jüngst.

 

Die Künstlerin setzt damit einen Themenkreis fort, dem sie sich bereits in der 2015 gezeigten Dresdner Ausstellung

 

„Paper Blues“ gewidmet hatte: Der engen genetischen Verbindung von Sprache, Musik und Bild, dem spannungs-

 

reichen Gefüge, das entsteht, wenn Liedtexte dem Zusammenhang entrissen werden und im Medium des Bildes

 

neue Sinnschichten, neue Inhalte und Bedeutungen entfalten; und auch anders herum: wenn nämlich die individuelle

 

Bearbeitung, Gestaltung und Formung des Papiers, des Materials, den Worten neue Perspektiven geben können.

 

 

So stammt beispielsweise das kombinierte Wortfragment „re“, das titelgebend ist für die im Eingangsbereich gezeigte

 

Arbeit, aus dem Song „River“ der französisch-kubanischen Indie-Band Ibeyi. Heike Berl fragmentiert hier einen

 

gefundenen Inhalt aus der Musikkultur und entzieht diesem gleichsam die Eindeutigkeit. Die Buchstaben finden sich

 

wieder zwischen und neben geometrischen Flächen in Gelb und Schwarz, Faltungen und Siebdruck. Der überaus intime

 

Charakter des Liedes – es erzählt von der Verletzung der Seele, von Schuld und Schmerz – scheint sich in der experimentell

 

entstandenen Papierarbeit widerzuspiegeln.

 

 

„Stay one more song“ – das ist auch eine erwartungsvolle, fast liebevolle Aufforderung zu bleiben, um genau zu hören,

 

genau zu schauen, sich Zeit zu nehmen: Es wird innerlich! Dass die Arbeit „Re“ am Anfang des Ausstellungsparcours

 

hängt, scheint mehr als plausibel, markiert sie doch prägnant ein Leitmotiv, das man in den jüngsten Arbeiten von

 

Heike Berl immer wieder auszumachen scheint. „Re“ – das ist eben auch das aus dem Lateinischen stammende Präfix

 

für „zurück“.

 

 

Dass es Heike Berl in ihrer konzeptuellen Arbeit auch um einen autobiografischen Zugang geht, der den Blick zurückwirft,

 

verdeutlichen vornehmlich die drei abstrahierten Radios, die in der Ausstellung „Stay one more song“ zusammen mit den

 

gerahmten Arbeiten an den Wänden gezeigt werden. Auf den ersten Blick bringen sie entsprechend des Ausstellungstitels

 

Musik in den Raum, wenn man dann aber weiß, dass sie Abformungen eines antiken Radios aus dem Besitz der Großmutter

 

der Künstlerin sind, erschließt sich der autobiografische, durchaus auch nostalgische Gehalt der Schau, die Vergangenheit

 

zu erforschen und bildnerisch zu gestalten scheint.

 

 

Deuten lassen sich die Arbeiten von Heike Berl daher auch als Zeugnisse für die komplizierte und nicht immer einfache

 

Auseinandersetzung mit Vergangenheit, mit Erinnerungen, die mal klar, dann wieder ganz wage und nur ahnungsweise,

 

dann wieder kaum greifbar, oder aber gar nicht im Gedächtnis haften geblieben sind, weil sie so flüchtig sind, wie Musik.

 

Tastend, suchend, nährt sich die Künstlerin ihnen, verweist auf sie. Vielleicht sind es nicht einmal Bilder, sondern Gerüche,

 

Geräusche, Lieder, die im wahrsten Sinne des Wortes bruchstückhaft auftauchen aus den Tiefen des Gedächtnisses.

 

 

Der Einsicht, dass nicht alles behalten wird, dass es Lücken in der Erinnerung gibt, wird Raum gegeben. So beispielsweise

 

in der Arbeit „Handspiel“. Sechs zeigende Hände sind dort jeweils paarweise aufeinander gerichtet, nehmen Kontakt auf,

 

zeigen auf sich, mehr aber noch auf die Flächen zwischen ihnen. Dort dann aber liegen Löcher einer Zwischenwelt, die durch

 

Ausstanzungen des Papiers entstanden sind. Die Fingerzeige markieren dialogisch Leerstellen, vielleicht auch Verletzungen?,

 

die beim Suchen und Finden von Inhalten auftauchen. Letztendlich bleibt das scheinbar Fassbare vage, entzieht sich trotz

 

des klaren Zeigegestus einer Eindeutigkeit.

 

 

Es geht in den Arbeiten von Heike Berl auch um Gespräche. Das Papier, vielfach geschöpft, gefärbt, gerissen, gefaltet, wird

 

zu einem Ort, zu einem haptischen Raum, der Kontaktaufnahmen, Interaktionen, markiert. Das Papier ist bei Berl eben nicht

 

nur Fläche, die zu bedrucken, zu beschreiben ist, es wird vielmehr und regelrecht zum Körper, gewinnt ein eigenes Volumen,

 

eine starke Präsenz im Raum. In ihm spielen sich Dialoge – oder aber, um es präziser zu sagen: versuchte Dialoge – ab. So sind

 

die mit Druckerschwärze und Tusche abgedruckten Handschuhe in der Serie „Dead Can Dance“ weit mehr als eine kunsthistorische

 

Referenz an Michelangelos göttlichen Fingerzeig aus der Sixtinischen Kapelle. Steht nämlich dort der Finger Gottes in seiner

 

ganzen gestischen Kraft der demütig empfangenden Hand des Menschen – Adams – entgegen, versuchen die Hände in Berls

 

Arbeit mit aller Kraft nacheinander zu greifen. Sie strecken sich förmlich. Was verhindert die Kontaktaufnahme? Ist es der Tod,

 

der in Gestalt der Kreuze und Fadenkreuze präsent ist? Die Partitur dieser Bilder – man beachte das weiß-gelbe Liniensystem,

 

das auch aufgrund der Hängung nicht nur zufällig an Notenpapiere erinnert – orchestriert gleichsam die seriellen Hand-

 

bewegungen, die aber doch irgendwie ins Leere laufen.

 

 

Dann wieder scheint man auf der Suche; verloren in einem zerklüfteten Land ohne Orientierung. So in „Quo vadis?“; eine Arbeit,

 

die bereits im Titel eine existenzielle Frage aufwirft: „Wo gehst du hin?“ Berl hat hier die 2-dimensionale Fläche des Papiers,

 

wie bereits in früheren Arbeiten, verlassen und in den Raum entwickelt. Aus einem zuvor mit vielen kleinen Händen bedruckten

 

Papier ist eine Landschaft entstanden, deren endgültige Gestalt dem kreativen Zufall, dem Verhalten des nassen und dann wieder

 

trockenen Materials, oblag. Die Fingerzeige scheinen aufgrund ihrer chaotischen Anordnung sinnlos; die Antwort auf die Frage

 

„Wo gehst du hin?“ ist vorerst offen, auch hier bleibt eine ernüchternde Orientierungslosigkeit zurück.

 

 

„Stay one more song“ – man ist der Aufforderung nachgekommen, hat sich Zeit gelassen, denn Flüchtigkeit führt hier nicht zum Ziel.

 

Weiterhin gilt es, sich auf die Ästhetik der gestalteten Papiere von Heike Berl mit Geduld einzulassen, ihre Stofflichkeit und Haptik

 

zu entdecken, das Gefüge von Schrift, Symbol, Farbe und Form zu enträtseln, in dem Chaotisch-Losen, dem experimentell Ent-

 

standenen, Strukturen zu finden. Eine Bitte daher: „Please, stay one more song“.


DNN, 22. Oktober 2016
DNN, 22. Oktober 2016