STAY ONE MORE SONG

Stefan Vogt, 2016

 

Heike Berl untersucht in ihren Zeichnungen und Objekten das Medium Papier auf seine Funktion als Bedeutungsträger. Durch Materialüberarbeitungen verleiht sie Raumkörpern eine taktile Präsenz. Papier fungiert dabei im Sinne von Körperhüllen als Membrane zwischen Innen und Außen. In großflächigen Zeichnungen variiert sie Form- und Wort-Assoziationen, die aus dem Fundus von Musik/Sound/Songtext gespeist sind. Schöpfen, Prägen, Experimentieren und das Ineinandergreifen verschiedener Prozesse und Materialien sind die künstlerischen Mittel, die Heike Berl dabei einsetzt.

 

In her drawing and objects, Heike Berl investigates papers´ function as a carrier of meaning. By revising materials, she gives plastic objects a tactile presence. Paper thereby functions as a cover or a membrane beetween the inside and the outside. In her largescale drawings, she uses shapes and words which are taken from music, sounds and lyrics. Berl´s method includes hand papermaking, embossing, experimentation and the interlocking of different processes and materials.

 

 

DNN, 3. Mai 2017
DNN, 3. Mai 2017

 

Eröffnungsrede zur Ausstellung STAY ONE MORE SONG

Dr. Sören Fischer, 2016

 

Bittend und doch zugleich imperativ fordert der Ausstellungstitel „Stay one more song“ zum Bleiben auf, man soll verharren, scheinbar aber weniger um zu sehen, als vielmehr um zu hören. Der Raum aber bleibt still. Man hört nichts. Und doch ist Musik präsent, zwar nicht in Gestalt bewegter Luft, wohl aber als stummes Echo in den neusten Papierarbeiten von Heike Berl, die alle 2015 und 2016 entstanden sind, einige von ihnen sogar erst jüngst.

 

Die Künstlerin setzt damit einen Themenkreis fort, dem sie sich bereits in der 2015 gezeigten Dresdner Ausstellung „Paper Blues“ gewidmet hatte: Der engen genetischen Verbindung von Sprache, Musik und Bild, dem spannungsreichen Gefüge, das entsteht, wenn Liedtexte dem Zusammenhang entrissen werden und im Medium des Bildes neue Sinnschichten, neue Inhalte und Bedeutungen entfalten; und auch anders herum: wenn nämlich die individuelle Bearbeitung, Gestaltung und Formung des Papiers, des Materials, den Worten neue Perspektiven geben können. So stammt beispielsweise das kombinierte Wortfragment „re“, das titelgebend ist für die im Eingangsbereich gezeigte Arbeit, aus dem Song „River“ der französisch-kubanischen Indie-Band Ibeyi. Heike Berl fragmentiert hier einen gefundenen Inhalt aus der Musikkultur und entzieht diesem gleichsam die Eindeutigkeit. Die Buchstaben finden sich wieder zwischen und neben geometrischen Flächen in Gelb und Schwarz, Faltungen und Siebdruck. Der überaus intime Charakter des Liedes – es erzählt von der Verletzung der Seele, von Schuld und Schmerz – scheint sich in der experimentell entstandenen Papierarbeit widerzuspiegeln.

 

„Stay one more song“ – das ist auch eine erwartungsvolle, fast liebevolle Aufforderung zu bleiben, um genau zu hören,

genau zu schauen, sich Zeit zu nehmen: Es wird innerlich! Dass die Arbeit „Re“ am Anfang des Ausstellungsparcours

hängt, scheint mehr als plausibel, markiert sie doch prägnant ein Leitmotiv, das man in den jüngsten Arbeiten von

 Heike Berl immer wieder auszumachen scheint. „Re“ – das ist eben auch das aus dem Lateinischen stammende Präfix

für „zurück“.

 

Dass es Heike Berl in ihrer konzeptuellen Arbeit auch um einen autobiografischen Zugang geht, der den Blick zurückwirft,

verdeutlichen vornehmlich die drei abstrahierten Radios, die in der Ausstellung „Stay one more song“ zusammen mit den

gerahmten Arbeiten an den Wänden gezeigt werden. Auf den ersten Blick bringen sie entsprechend des Ausstellungstitels

Musik in den Raum, wenn man dann aber weiß, dass sie Abformungen eines antiken Radios aus dem Besitz der Großmutter

der Künstlerin sind, erschließt sich der autobiografische, durchaus auch nostalgische Gehalt der Schau, die Vergangenheit

zu erforschen und bildnerisch zu gestalten scheint.

 

Deuten lassen sich die Arbeiten von Heike Berl daher auch als Zeugnisse für die komplizierte und nicht immer einfache

Auseinandersetzung mit Vergangenheit, mit Erinnerungen, die mal klar, dann wieder ganz wage und nur ahnungsweise,

dann wieder kaum greifbar, oder aber gar nicht im Gedächtnis haften geblieben sind, weil sie so flüchtig sind, wie Musik.

Tastend, suchend, nährt sich die Künstlerin ihnen, verweist auf sie. Vielleicht sind es nicht einmal Bilder, sondern Gerüche,

Geräusche, Lieder, die im wahrsten Sinne des Wortes bruchstückhaft auftauchen aus den Tiefen des Gedächtnisses.

Der Einsicht, dass nicht alles behalten wird, dass es Lücken in der Erinnerung gibt, wird Raum gegeben. So beispielsweise

in der Arbeit „Handspiel“. Sechs zeigende Hände sind dort jeweils paarweise aufeinander gerichtet, nehmen Kontakt auf,

zeigen auf sich, mehr aber noch auf die Flächen zwischen ihnen. Dort dann aber liegen Löcher einer Zwischenwelt, die durch

Ausstanzungen des Papiers entstanden sind. Die Fingerzeige markieren dialogisch Leerstellen, vielleicht auch Verletzungen?,

die beim Suchen und Finden von Inhalten auftauchen. Letztendlich bleibt das scheinbar Fassbare vage, entzieht sich trotz

des klaren Zeigegestus einer Eindeutigkeit.

 

Es geht in den Arbeiten von Heike Berl auch um Gespräche. Das Papier, vielfach geschöpft, gefärbt, gerissen, gefaltet, wird

zu einem Ort, zu einem haptischen Raum, der Kontaktaufnahmen, Interaktionen, markiert. Das Papier ist bei Berl eben nicht

nur Fläche, die zu bedrucken, zu beschreiben ist, es wird vielmehr und regelrecht zum Körper, gewinnt ein eigenes Volumen,

eine starke Präsenz im Raum. In ihm spielen sich Dialoge – oder aber, um es präziser zu sagen: versuchte Dialoge – ab. So sind

die mit Druckerschwärze und Tusche abgedruckten Handschuhe in der Serie „Dead Can Dance“ weit mehr als eine kunsthistorische Referenz an Michelangelos göttlichen Fingerzeig aus der Sixtinischen Kapelle. Steht nämlich dort der Finger Gottes in seiner ganzen gestischen Kraft der demütig empfangenden Hand des Menschen – Adams – entgegen, versuchen die Hände in Berls Arbeit mit aller Kraft nacheinander zu greifen. Sie strecken sich förmlich. Was verhindert die Kontaktaufnahme? Ist es der Tod, der in Gestalt der Kreuze und Fadenkreuze präsent ist? Die Partitur dieser Bilder – man beachte das weiß-gelbe Liniensystem, das auch aufgrund der Hängung nicht nur zufällig an Notenpapiere erinnert – orchestriert gleichsam die seriellen Handbewegungen, die aber doch irgendwie ins Leere laufen.

 

Dann wieder scheint man auf der Suche; verloren in einem zerklüfteten Land ohne Orientierung. So in „Quo vadis?“; eine Arbeit,

die bereits im Titel eine existenzielle Frage aufwirft: „Wo gehst du hin?“ Berl hat hier die 2-dimensionale Fläche des Papiers,

wie bereits in früheren Arbeiten, verlassen und in den Raum entwickelt. Aus einem zuvor mit vielen kleinen Händen bedruckten

Papier ist eine Landschaft entstanden, deren endgültige Gestalt dem kreativen Zufall, dem Verhalten des nassen und dann wieder trockenen Materials, oblag. Die Fingerzeige scheinen aufgrund ihrer chaotischen Anordnung sinnlos; die Antwort auf die Frage „Wo gehst du hin?“ ist vorerst offen, auch hier bleibt eine ernüchternde Orientierungslosigkeit zurück.

„Stay one more song“ – man ist der Aufforderung nachgekommen, hat sich Zeit gelassen, denn Flüchtigkeit führt hier nicht zum Ziel. Weiterhin gilt es, sich auf die Ästhetik der gestalteten Papiere von Heike Berl mit Geduld einzulassen, ihre Stofflichkeit und Haptik zu entdecken, das Gefüge von Schrift, Symbol, Farbe und Form zu enträtseln, in dem Chaotisch-Losen, dem experimentell Entstandenen, Strukturen zu finden. Eine Bitte daher: „Please, stay one more song“.

 

DNN, 22. Oktober 2016
DNN, 22. Oktober 2016

 

ZEICHNUNG ALS GERÄUSCHSPEICHER. Zu den Arbeiten von Heike Berl

TECKNINGAR SOM LJUDAVTRYCK. om Heike Berls arbete

Susanne Greinke, 2012

 

Kann man Zeichnungen hören? Woran wäre ein solcher akustischer Zugang zum visuellen Medium Zeichnung geknüpft?

Betrachtet man die Blätter der in Dresden lebenden Zeichnerin und Grafikerin Heike Berl, erscheinen diese trotz partieller Verdichtungen offen, sogar durchlässig. Die einzelnen Bildelemente schweben über dem Papier und erwecken den Eindruck, nur dort mit dem Bildgrund verbunden zu sein, wo das Papier durch das Auftragen der Farbe leichte Wellen bildet oder der Fluss der Linien durch die Textur des Papiers gestört wird. Das Gemacht-Sein dieser Zeichnungen bleibt sichtbar. Ein Aspekt, der nicht nur die Arbeiten von  Heike Berl auszeichnet, sondern das Medium Zeichnung grundlegend bestimmt. Der Prozess der Bildentstehung wird hier dichter an den Betrachter herangerückt. Erst damit öffnet sich die Möglichkeit, über den Zusammenhang von Bildwerdung und ihrer akustischen Dimension nachzudenken. Dieser Gedanke entspringt nicht der synästhetischen Verbindung von Farben und Tönen im Sinne Kandinskys, bei dem etwa ein bestimmtes Gelb mit einem hellen Trompetenton verschmolzen ist. Bei Heike Berl ist es das Nachhören jener Toncollage, die jedes Tun und jedes Sein begleitet. Demnach wären die Zeichnungen und Druckgrafiken als Klangspeicher und in diesem Sinne auch als Notenschriften lesbar.

(Auszug)

 

Kann man över huvud taget höra teckningar? Finns det en koppling till visuella media som teckningar?

När man tittar på bladen från den i Dresden bosatta tecknaren och grafikern Heike Berl tycks dessa trots partiella förtätningar öppa, ja till och med genomsläppliga. Bildelementen svävar över arken och ger intrycket av att vara förbundna med en bildfond, där pappret genom påläggningen av färgen blivit lätt vågigt och där linjerna bryts av papprets egen struktur. Verkens egenkaraktär är tydlig. Det är en aspekt som inte bara är typiskt för Heike Berl utan också kännetecknar teckningar som sådana. Den konstnäliga processen tränger sig på beraktaren. Bara så kann man se sammanhanget mellan bilskapandet och de aukustika dimensionerna. Denna tanke har inte sitt ursprung i den synestesistiska kopplingen av färger och färgtoner påminnande om Kandinskys verk, i vilka en gul grundton smälter ihop med en gräll trumpetton. Hos Heike Berl kan man höra toncollagen, som följer varje görande och varande. Med detta synsätt kan man betrakta teckningarna och de grafiska bladen som klangelement och noter.

(utdrag)

 

 

 

HERZTÖNE - Ein Zwischenruf zu den Arbeiten von Heike Berl

Andreas von Weizsäcker, 2004

 

Zeichnung ist Freiheitsraum, in dem sich die suchende Vorstellung bewegt und festlegt. „Sie ist der Freiheitsraum, in dem die Plastik die Grenzen ihrer Realisierbarkeit überschreitet und sich der Horizont der Utopie öffnet.“ (Manfred Schneckenburger, Graphische Sammlung Staatsgalerie Stuttgart, 1980). Die graphische und zeichnerische Arbeit Heike Berls ist der Lebensraum ihrer zarten aber entschlossenen, frei schweifenden Phantasie jenseits exekutiver Zwänge. Ausgangspunkt sind ihre faszinierenden, spontanen, scheinbar flüchtigen Notationen, die in der Folge Eingang in Grafiken, großformatigen Zeichnungen und in jüngerer Zeit auch in räumliche Installationen finden. Fast könnte man von einer Parallelisierung von Zeichnung und Plastik sprechen, in dem die Elemente der Zeichnung zum „plastischen“ Material werden. So verwendet Heike Berl Papiere nicht nur als Träger ihrer spielenden Phantasie, sondern nutzt pigmentierten Faserstoff (die Vorstufe eines formierten Blattes) für direkte räumliche Interventionen. So zum Beispiel in der Arbeit „inzwischen“, die sie 2003 an der Akademie der Bildenden Künste München realisiert hat. Die Transformation des Lebensraumes ihrer gezeichneten Notizen ist ein wichtiges Instrument im Orchester ihrer bildnerischen Virtuosität geworden und beschreibt ein wichtiges Momentum. Ohne an intimer Unmittelbarkeit einzubüßen, öffnet Heike Berl den Formatraum ihrer Zeichnungen zu einem Lebensraum für uns alle. Eine expressive Geste, die in ihrer Großzügigkeit ihresgleichen sucht. Heike Berl teilt. Sie teilt den Freiheitsraum ihrer Zeichnungen, also ihren Lebensraum, ihr Leben, ihr Hoffen auf ihr Anrecht auf Glück, auf Gemeinschaft und Veränderung aller Nöte, sie teilt ihre Suche nach Befreiung im Kunstwerk.Es sind ihre zurückhaltenden linearen Vergewisserungen, ihre Gedankenstriche, ihre graphische humorgeladene Gestik, die schöpferische Fragilität ihrer raumbezogenen Besetzungen, die aus dem Suchen ein Finden machen.

Ein Fundus für Glück.

Ein Fundus für Freiheit.

Dank der Kunst Heike Berls können wir daran teilhaben und darauf aufbauen.